Schützen statt schottern

Sanierung lohne nicht, behauptet der Investor. Doch Mieter im Bielefelder Kamphof wehren sich.

»Inzwischen fühle ich mich ganz stabil mit der Situation. Es hilft sehr, dass ich sie mit vielen teilen kann«, sagt Patricia Wolf*. In vier Zimmern auf 70 Quadratmetern wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten. Seit gut einem Jahr hat ihr Haus in der Siegfriedstraße im Bielefelder Westen nördlich des Hauptbahnhofs einen neuen Eigentümer, ebenso das Nachbarhaus. Die Voreigentümerin beider Häuser hat verkauft.

Beide Häuser sind alt, so alt, dass sie sogar im virtuellen baukulturellen Rundgang der Stadt vorkommen, ursprünglich gehörten sie der damaligen Eigentümerfamilie von Hiro. Das Unternehmen baut Lifte, bis heute in der Mellerstraße gleich nebenan. Auch wenn das Unternehmen inzwischen anderen gehört, der Name ist geblieben. Die Firmengründer ließen 1896 und 1897 die beiden Wohnhäuser bauen. In die Jahre gekommen, bräuchten sie inzwischen die eine oder andere Überarbeitung. Aber sie sind gut bewohnbar und der Raum ist vergleichsweise günstig.

Der Investor, dem noch mehr Häuser gehören, hat von Beginn an – als er noch nicht einmal den Kaufvertrag unterzeichnet hatte – den insgesamt acht Mietparteien in den zwei Häusern zu verstehen gegeben, dass es besser sei, sich eine andere Bleibe zu suchen. Der Aufwand zu sanieren, lohne sich nicht, da bliebe nur der Abriss, erinnert sich die Mieterin an Gespräche. Die Ansprache erfolgte nebenbei, Schriftliches gibt es nicht. »Er hat von Beginn an Druck aufgebaut, das hat bei uns zu der Entscheidung geführt auszuziehen«, sagt Irene Mock*, die bis Ende 2025 selbst mit ihrer Familie in einem der Häuser lebte. Zumal der neue Eigentümer sich umtat und konkrete Vorschläge für andere Wohnungen in der Tasche hatte.

»Anfangs haben wir aus der Einschüchterung heraus und aus Unkenntnis über unsere Rechte die Perspektive des Vermieters unbeabsichtigt übernommen«, sagt Patricia Wolf, »und viele haben sich Sorgen gemacht, wie es für sie weitergeht, auch weil sie Verantwortung haben in einer Familie, prekär leben oder besonders verletzlich sind«. Inzwischen ist sie die einzige verbliebene Mieterin in beiden Häusern, die anderen, die dort teilweise seit Jahrzehnten verwurzelt waren, sind ins Irgendwo verschwunden.

Zwischendrin hatte der Vermieter Wohnungen in beiden Häusern mit Monteuren belegt. Ganz früh am Morgen teilte ein Vorarbeiter lautstark die Arbeitseinsätze ein, dann tuckerten die Arbeiter mit den Bullis los. Zwischendrin waren alle elf Parkplätze hinter den Häusern belegt. Parkplätze, die zuvor ein von den Bewohnern beider Häuser liebevoll angelegter Gemeinschaftsgarten waren, wo der Neueigentümer alles mit Stumpf und Stiel rausreißen und aufschottern ließ.

Im Moment ist Ruhe. Möglicherweise, weil Nachbarn die Stadt auf die hohe Monteursdichte aufmerksam gemacht haben. »Unser Straßenabschnitt verändert sich gerade«, stellt die Mieterin heraus. Häuser werden saniert, um Wohnungen oder zunehmend möblierte Zimmer, die auf den üblichen Portalen als »WG-Zimmer«deklariert werden, für reichlich Geld zu vermieten.

Das können sich nicht viele leisten, Leerstand ist sichtbar. Und auch in einem anderen Nachbarhaus wohnen offenbar Monteure, die dort für ihren Aufenthalt in Bielefeld eine Schlafstätte haben. All das verknappt bezahlbaren Wohnraum.

Eine Nachbarschaftsinitiative hat sich frisch gegründet, schaut auf den Kamphof, informiert. Patricia Wolf ist Teil davon, die Vernetzung hilft ihr, ihre schwierige Situation auszuhalten. »Unsere Wohnungen sind keine Spekulationsobjekte. Sie sollen bezahlbarer Wohnraum bleiben« findet sie. Sie ist Mitglied beim Mieterbund OWL, der sie rechtlich berät und unterstützt. Der hat ihr bestätigt, dass der Vermieter sie nicht einfach vor die Tür setzen kann.

Die Initiative hat sich an den Denkmalschutz und die Bezirksvertretung Mitte gewandt. Die Denkmalschutzbehörde hat die Anfrage abschlägig beurteilt, zu viele bauliche Veränderungen seien an den Häusern bereits vorgenommen worden. Durch den Beschwerdeantrag an die Bezirksvertretung bleiben die beiden Häuser, weitergefasst die Veränderungen im Kamphofviertel, auf dem Radar der Politik.

»Die Monteurswohnungen sind genauso wie Ferienwohnungen ein Aspekt der Zweckentfremdungssatzung, die der Stadtentwicklungsaussschuss gerade diskutiert«, sagt Sarah Nagel, Geschäftsführerin des Mieterbund OWL.

* Namen der Redaktion bekannt